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DFG-Projekt „Untersuchung zur Stratigraphie und Chronologie des Asklepieions von Kos

Das neue Projekt begann 2012 und setzte sich bis zum Jahr 2015 fort. Die Arbeiten wurden durch eine Reihe von Administrations- und Lehrtätigkeiten des wissenschaftlichen Mitarbeiters Prof. Dr. W. Ehrhardt unterbrochen. So wurde die Laufzeit des Projektes mehrfach kostenneutral verlängert.

Vorrangiges Ziel des Projektes war, durch gezielte Schnitte auf der mittleren Terrasse Aufschluß über erste Anlage und Ausbau des Asklepieions von Kos zu gewinnen. Im Rahmen des geplanten Projekts sollten neben architekturgeschichtlichen Problemen, auch Fragen der spätklassischen - frühhellenistischen Stadtgeschichte und der Medizingeschichte aufgegriffen werden.

Ausgehend von der neuen photogrammetrischen und zeichnerischen Dokumentation der auf der mittleren Terrasse freiliegenden Fundamente und Mauerzüge muß von einer konzeptionell einheitlichen Planung der Gesamtanlage in der zweiten Hälfte des 4. Jh. v. Chr. ausgegangen werden. Die intentionale Ausrichtung der Anlage auf eine den Hang hinaufgerichtete gerade Mittelachse prägte nicht nur die Verteilung der Gebäude und Treppenläufe auf mittlerer und oberer Terrasse, sondern auch die Ausrichtung der im Plan Schazmann fälschlicherweise zu weit nach Osten verschwenkten unteren Terrasse.

Weiterhin liegen auf der mittleren Terrasse der Tempel B im Westen, der Altar im Zentrum und der Bau E im Osten auf einer geraden Linie, folgen also einem einheitlichen Konzept. Und dieses Konzept berücksichtigt auch die hangwärts ansteigende, durch die Treppenläufe markierte Achse. Beide Linien schneiden sich im rechten Winkel westlich vor dem Zugang zum Altar.

Schazmann bestimmte die zur ersten Phase gehörenden Bauten des Asklepieions anhand des verwendeten Baumaterials, eines gelblichen, verwittert grauen Travertins. Die Blöcke aus diesem Material weisen, wie Schazmann erkannte, eine bestimmte Bearbeitung auf, einen flachen mit dem Meißel gearbeiteten Saum und einen grob gepickten Binnenspiegel. Dieses Baumaterial verbaute man sowohl am Nordende der westlichen Stoa der unteren Terrasse, in älteren Fundamenten unterhalb des spätrömischen Tempels C und wiederverwendet in den Mauern des spätrömischen Baues D auf der mittleren Terrasse als auch in der ersten Phase der Hallenbauten auf der oberen Terrasse. Bisher nicht beachtete Versatzmarken, die aufgrund der Buchstabentypen, ins ausgehende 4. Jh. v. Chr. datieren, liefern einen Terminus ante quem für den Einsatz dieses Baumaterials und damit für die genannten Bauten.

Die bisherige Datierung der ersten Altarphase durch Inschriften auf einem Marmororthostaten bestätigt diese Datierung. Sie unterstützt auch die spätklassische Datierung der erhaltenen Figurenausstattung des Altares und deren durch Herodas überlieferte Herstellung in der Werkstatt der Praxitelessöhne.

Die Sondagen innerhalb des spätrömischen Baues D widerlegten Schazmanns Rekonstruktion seiner hellenistischen Gestaltung. Es handelte sich nicht um einen zweischiffigen, Ost-West ausgerichteten Bau mit säulengestützter, quer gelagerter Vorhalle. Vielmehr hatte man in der ersten Hälfte des 2. Jh. v. Chr. im rechten Winkel zur Ost-West-Achse und zu der Stützmauer der nächsthöheren Terrasse gegen den westlichen Berghang eine Stoa errichtet. Die Datierung der Stoa ergibt sich durch Keramik und Münzen in dem zur Einfüllung verwendeten Abraummaterial. Zur Einfüllung der Fundamentgräben eines bei der Errichtung der Stoa aufgegeben Fundaments verwendete man das reine Aushubmaterial ohne Scherben oder sonstige Beimischungen. Ansonsten fanden sich innerhalb von Bau D keine älteren Schichten.

Zusammenfassend läßt sich festhalten: Das Asklepieion wurde erst nach der Neugründung der Stadt Kos im Jahre 366 v. Chr. erbaut. Die in der zweiten Hälfte des 4. Jh. v Chr. errichtete Terrassenanlage kann architekturgeschichtlich nicht als Zwischenschritt in einer Entwicklung von agglutinierend komponierten zu streng axial aufgebauten Heiligtumsanlagen verstanden werden. Die nicht axiale Ausrichtung der unteren Terrasse des Asklepieions ist keine konzeptionelle Inkonsequenz, sondern ein Tribut an die geomorphologische Beschaffenheit des Hanges, in welchen die Terrassenanlage hineingebaut wurde. Es handelte sich von Beginn an um ein dreistufige Anlage, deren Bauwerke auf orthogonale Achsen ausgerichtet waren.

Im Asklepieion fehlte in der spätklassischen bis hellenistischen Phase ein Bauwerk für den Heilschlaf, wie es für die Riten in Epidauros zentral war. Weder die Hallenbauten auf der unteren noch auf der oberen Terrasse sind nah genug am rituellen, durch den Altar markierten Brennpunkt des Terrassenheiligtums. Die späthellenistische Halle auf der mittleren Terrasse war nach Osten hin offen, nicht wie der entsprechende Bau in Epidauros geschlossen.

Aufbauend auf den im Rahmen des DFG-Projektes „Untersuchung zur Stratigraphie und Chronologie des Asklepieions von Kos“ erzielten Resultaten bietet es sich zukünftig an, auch die untere wie die obere Terrasse gründlich zu dokumentieren, baugeschichtlich zu analysieren sowie Phasen und architektonische Ausbau des Asklepieions durch gezielte Schnitte genauer zu datieren. Im Zuge dieser Arbeit wird sicherlich auch der funktionale Unterschied zum Asklepieion von Epidauros und der dortigen rituellen Heilpraxis klarer heraustreten.

Antragsteller

Prof. Dr. H. v. Hesberg, Prof. Dr. D. Boschung

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Prof. Dr. Wolfgang Ehrhardt

Mitarbeiter

W. Aulmann; Dr. D. De Maria; Dr. N. Fenn; Dr. A. Hanöffner, Dr. S. Hofmann, Dipl. Ing. K. Ringle, Dr. L. Siftar

Kooperation

KB Ephorie Rhodos; Deutsches Archäologisches Institut Athen; KIT, Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung

Publikationen

  • W. Ehrhardt, Hellenistische Heiligtümer und Riten: Die westlichen Sakralbezirke in Knidos als Fallbeispiel, in: A. Matthaei, M. Zimmermann (Hrsg.), Stadtbilder im Hellenismus (2009) 93-115
  •  Inklusion und Exklusion: Die Temene innerhalb des Westsektors in Knidos, in: A. Matthaei, M. Zimmermann (Hrsg.), Stadtkultur im Hellenismus (Heidelberg 2014) 9-51
  • Ergebnisse des DFG-Forschungsprojektes zum Asklepieion von Kos in den Jahren 2010–2013: Ein Resümee, Kölner und Bonner Archaeologica 4, 2014 (2015), 75-107 (s. Anlage)
  • Αρχαιολογικό ερευνητικό πρόγραμμα στο Ασκληπιείο της Κω, in: P. Triantaphyllidis (Hrsg.), Το Αρχαιολογικό έργο στα νησιά του Αιγαίου. Συνέδριο Τετάρτη 27 Νοεμβρίου-Κυριακή 1 Δεκεμβρίου 2013 (Rhodos 2017) 1-10
  • Das Askleipieion von Kos, Herodas und die Söhne des Praxiteles, in: A. Delivorias u.a. (Hrsg.), Volume dedicated to the memory of George Despinis (erscheint Athen 2017)