Forschungsprojekte zur Rezeptionsgeschichte



Dr. Jürgen Obmann
Geschichte der Provinzialrömischen Archäologie
"Sie muß den Kaiser auf der Saalburg sehen" - Die Feier zur Grundsteinlegung des wiedererrichteten Römerkastells am 11. Oktober 1900

Die Planung
Anläßlich der Einweihung des Kaiser-Friedrich-Denkmals in Wiesbaden am 18.10.1897 war in der Frankfurter Zeitung zu lesen, daß Wilhelm II. den Entschluß gefaßt habe, die vollständige Wiederherstellung der Saalburg bei Bad Homburg zu beginnen. Mit einer kleinen Zeitungsmeldung zu den Aktivitäten der kaiserlichen Familie beginnt so eine hundertjährige Erfolgsgeschichte, deren Intention seit mehreren Jahrzehnten oft kopiert, jedoch bis heute selten erreicht wurde: die Saalburg als einer der ersten Repräsentanten der Museumsgattung 'Archäologischer Park'.

Eigentlicher Grund, die Saalburg wieder aufzubauen, war der Plan, ein Reichs-Limes-Museum einzurichten, um die enorme Menge an Fundstücken aufzunehmen, die durch die von Th. Mommsen ins Leben gerufene Reichs-Limes-
Kommision geborgen werden konnten. Die Entscheidung für die Saalburg setzte Wilhelm II. gegen die ebenso im Gespräch stehenden Orte Mainz und Wiesbaden durch. Ein Ziel, daß später jedoch fallen gelassen wurde. Im Jahre 1997 jährt sich dieser Beschluß zum einhundertsten Mal. Daran wird auf der Saalburg mit einer Jubiläumsausstellung unter dem Titel "Vom Grenzposten Roms zum europäischen Museum - 100 Jahre Saalburg" erinnert. An der Konzeption und Durchführung ist auch das Archäologische Institut der Universität zu Köln beteiligt.
Die Ikonographie

Mit einer aufwendig gestalteten Feierlichkeit wurden nur drei Jahre später, am 11. Oktober 1900, die bis zu diesem Tage wiederhergestellten Bauten der Saalburg eingeweiht. Diese Zeremonie der Grundsteinlegung soll in ihrer Planung und Durchführung als vorbildliches Beispiel einer historisierenden Inszenierung zur Jahrhundertwende vorgestellt werden. Für Planung, Ausführung der Feier und Ausgestaltung der Örtlichkeit waren Wiesbadens Hoftheaterintendant Georg von Hülsen und der Ausgräber Baurat Louis Jacobi verantwortlich .

Entlang der sog. 'via triumphalis' waren beidseitig je sechs Säulen aufgestellt, die als Abschluß einen vergoldeten Pinienzapfen oder ein Kapitell trugen (Abb.1). Dazwischen hingen dichte Reisiggewinde nach Vorbildern pompejanischer Wandmalerei. Als Sockel dienten rotgefärbte, unverzierte Aläre. Die inneren vier Säulen der via tragen Inschriftenschilder, die Wilhelm II. (JUSTITIAE PROPUGNATOR. - HOSTIUM TERROR. - MULTIS ANNIS IMPERES!) und und seine Gemahlin Augusta Victoria (MISERORUM SOLATIUM. - PIORUM ADJUTRIX. - DEUS TE SERVET!) ehren.
Die je zwei ersten und letzten Säulen waren den sog. Jupitersäulen nachgebildet, denen als Vorlage eine Säule aus dem römischen 'vicus novus' in Frankfurt/Heddernheim diente. Auf einem altarähnlichen Sockel mit aufgemaltem Blitzbündel steht auf einem kleineren Aufsatz die geschuppte Säule mit bunter Basis und vergoldetem Kapitell. Zwischen den einzelnen Säulen standen Statuen des genius loci und des genius centuriae auf kleinen Altären, deren Vorderseite mit aufgemalten Opferattributen wie Opferschale, Messer und Beil verziert waren. Der Raum innerhalb der Säulen wurde von einem massiven Holzzaun eingenommen. Am hölzernen Eingang über der mit Reisig verzierten Exerzierhalle war die Inschrift ET · TOGA · ET · ARMA · TE· HONESTANT· IMPERATOR angebracht.


Abb. 1

Auf Anordnung von Wilhelm II. liegen Anweisungen zur Gruppierung vor, die die Aufstellung und Besetzung der Tribünen und Plazierung der Gäste betreffen. Es sollte kein Publikum während der Feier zugegen sein, außer den geladenen Gästen. Die bereits aufgebauten Tribünen mußten unbesetzt bleiben.
Vom damals noch Prätorium genannten Stabsgebäude wurde nur das sacellum aufgebaut und auch dies nur provisorisch aus Gips und Holz . Es war weiß gestrichen und die Pilasterkapitelle der Frontseite zeigten die satten pompejanischen Farben: rot, grün, blau und gelb. Am Gebälk wurde auf blauem Untergrund die Inschrift IN · HONOREM· DOMUS· DIVINAE angebracht und im Giebelfeld ein Adler mit Lorbeerkranz. In das Innere hängte man neben nicht näher beschriebenen Altertümern ein Bildnis des Oberst von Cohausen, dem ersten Ausgräber der Saalburg.

Vor dem sacellum waren vier Opferaltäre nach vorgefundenen Originalen aufgestellt, auf denen während der Feier Weihrauch verbrannt wurde. An das Gebäude schloß sich ein Halbkreis aus weißgestrichenen Holzwänden an, deren Mauerstruktur durch rote Baufugen angedeutet wurde. Davor standen rote Holzmasten mit vergoldeten Adlerfiguren und Inschriftenschildern in tabula-ansata - Form mit den Namen der auf der Saalburg stationierten Legions- und Kohortenabteilungen. Die Masten waren durch grüne Reisiggewinde verbunden, an denen Tondi mit Kaiserportraits hingen. Es handelt sich dabei um damals goldglänzende, heute graulackierte Gipsplatten, von denen sich noch zwei Stücke erhalten haben. Die schwarzen Holzstühle des Kaiserpaares waren mit Decken und Eichenkränzen geschmückt; rote Holzbänke dagegen dienten als sog. klassische Subsellien für die geladenen Gäste. Die zur Vermauerung und den symbolischen drei Schlägen notwendige Kelle und Hammer sind römische Funde von der Saalburg, die mit neuen Holzgriffen versehen wurden.

Die Inszenierung
Am Tag der Einweihung fuhren die Majestäten pünktlich um 11 Uhr vor. Der Kaiser trug große Generalsuniform ohne Mantel des ersten Garderegiments, die Kaiserin war wie üblich dunkel und einfach gekleidet. Die Ankunft wurde durch laute Fanfarenstöße angekündigt. Vor den Mauern erfolgte die Begrüßung des Kaiserpaares am Wagen durch eine Ansprache von Homburgs Bürgermeister Dr. Tettenborn. Zu den Fanfarenklängen römisch gekleideter Tubenbläser, die zwischen den beiden Türmen postiert waren, schritten die Majestäten auf den Torbau zu, dessen Türen auf das Kommando "Pandite portas" geöffnet wurden. Eine römisch gekleidete Wache nahm Aufstellung an der Brücke über die Wälle, so wie auch eine Reihe von Legionären auf der Mauer hinter den Zinnen aufgestellt war.

Im Inneren des Lagers begrüßten römische Feldherren und germanische Fürsten durch tiefe Verbeugungen das hohe Paar. Hier kam nun das Klassische zu seinem Recht; es folgte eine lateinische Rede des sog. praefectus castrorum. Nach erneuten Tubafanfaren und während des ersten Gesanges schritt das Kaiserpaar die via triumphalis, die von Soldaten in voller Rüstung mit Feldzeichen und ihren Centurionen gesäumt wurden, entlang zum eigentlichen Ort des Geschehens. Ihnen voran streuten römisch weißgekleidete und mit einem Rosenkranz geschmückte Knaben Blumen oder schwangen Weihrauchgefäße. Das Ende des Zuges bildeten die germanischen Edlen. In der Exerzierhalle war ein Chor aus 210 Personen postiert, der die Hymne 'Salve, salve, Imperator!' zum Besten gab. Am Ende der via triumphalis standen die Feldzeichenträger und blumenstreuende Knaben. Den Abschluß des Festplatzes bildete das sacellum, vor dem vier durch Priester bestückte Opferaltäre rauchten, während römische Soldaten und Feldherren in weitem Kreise unter den Adlern standen.

Aus der Tür des sacellum, welches die Inschrift IN HONOREM DOMUS DIVINAE trägt, trat nun der weißgekleidete Legat (Hofschauspieler Schreiner), der ein Lobgedicht auf den Kaiser vortrug.

Während der letzten Zeile ertönten erneut Fanfaren und römische Feldherren wie auch germanische Fürsten schlugen mit ihren Schwertern auf die Schilde. Louis Jacobi erbat daraufhin die Erlaubnis, die Grundsteinlegung beginnen zu dürfen. Der Chef des Civilkabinetts v. Lucanus verlas eine von Prof. Mommsen verfaßte Inschrift von einer bronzenen Tafel. Danach wurde die Grundsteinurkunde, welche vom Kaiser vor Ort unterzeichnet wurde, durch den Kultusminister Dr. Studt verlesen. Nachdem diese deutsche und die lateinische Urkunde von Baurat Jacobi in die Vertiefung des Grundsteins gelegt, diese von den Handwerkern mit Mörtel zugedeckt und die obere Steinplatte daraufgelegt war, ergriff der Kaiser den aus den Saalburgfunden stammenden, römischen Hammer und sprach folgende Worte: (Abb.2)


Abb. 2

"Der erste Gedanke am heutigen Tage schweift zurück in wehmutsvollem Dank an meinen unvergesslichen Vater, den Kaiser Friedrich III.; seiner Tatkraft, seinem schaffensfreudigen Wollen dankt die Saalburg ihr Wiedererstehen, gleichwie im fernen Osten der Monarchie die gewaltige Ritterburg, die einst die deutsche Kultur in den Osten einpflanzte, auf sein Geheiß wieder neu erstand und nunmehr ihrer Vollendung entgegenschreitet, so ist auf den Höhen des ragenden Taunus dem Phönix gleich aus seiner Asche emporgestiegen das alte Römerkastell, ein Zeuge römischer Macht, ein Glied in der gewaltigen ehernen Kette, die Roms Legionen um das gewaltige Reich legten, und die auf das Geheiß des einen römischen Imperators, des Cäsar Augustus, der Welt ihren Willen aufzwangen und die gesamte Welt der römischen Kultur eröffneten, die befruchtend vor allem auf Germanien fiel. So weihe ich diesen Stein mit dem ersten Schlage der Erinnerung an Kaiser Friedrich III., mit dem zweiten Schlage der deutschen Jugend, den heranwachsenden Geschlechtern, die hier in dem neu erstehenden Museum lernen mögen, was ein Weltreich bedeutet, und zum dritten der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes, dem es beschieden sein möge, in künftigen Zeiten durch das einheitliche Zusammenwirken von Fürsten und Völkern, ihren Heeren und ihren Bürgern, so gewaltig, so fest geeint und so maßgebend zu werden, wie es einst das römische Weltreich war, damit es auch in Zukunft dereinst heißen möge wie in der alter Zeit: civis Romanus sum, nunmehr: Ich bin ein deutscher Bürger!".

Nach dieser Rede waren auf dem Festplatz Beifallsgemurmel und gedämpfte Bravorufe zu hören. Danach führte die Kaiserin drei Hammerschläge aus und der Chor sang dazu einen delphischen Hymnus an Apollo. Danach erfolgten weitere Hammerschläge durch hochgestellte Persönlichkeiten. Unter Führung der blumengeschmückten Knaben, der römischen Soldaten und der germanischen Edlen verließ das Kaiserpaar wieder die Feierstätte, und die Saalburg wurde für die einfachen Besucher freigegeben.

Das Nachspiel
Spöttische Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten; als Beispiel die Karikatur des Amsterdamer Weekblad mit der Bildunterschrift "Keizer Wilhelm: civis romanus sum!", worauf seine Frau erwidert "Keizerin Augusta; Wilhelm, vat geen kou! (Paß auf, daß du dir keine Erkältung einfängst). Andererseits auch positive, nahezu überschwengliche Zustimmung: "In dem Weihespruch des Kaisers kreuzen und berühren sich ganz eigenartig zwei Jahrtausende der Weltkultur. Aus den Trümmern des verschollenen Imperatorenreiches tritt eine jugendfrische Kraft und Macht, die, rückwärts schauend auf die einstige Weltengröße, in sich selber den Beruf verspürt, erobernd, werbend, schaffend und bildend in die Welt hinauszustreben."

Das Presseecho im In- und Ausland zu dieser Veranstaltung - insbesondere auf die Rede Wilhelms II. - hat verschiedentlich Vorbehalte gegenüber der Formulierung "Ich bin ein deutscher Bürger!" und Widersprüche hervorgerufen. Der Charakter der Rede wird häufig als schlicht und ernst gewertet, aber "...mit Worten, deren Bedeutung die kernig schlichte Art, in der sie vorgetragen wurden, noch überholte." Ganz erstaunlich ist der Hinweis, daß jetzt und in absehbarer Zeit von einem Weltreich nach römischem Muster keine Rede sein könne. Die Verbindung zu den römischen Kaisern sollte nicht geographisch, sondern ideell gezogen werden. Es wurde darauf hingewiesen, daß zur jetzigen Zeit eine Anzahl großer Reiche sich mit einander vertragen, und es so wohl für eine lange Zukunft bleiben müsse. Oder um es mit dem Breslauer General-Anzeiger zu formulieren: "Nunmehr möge man mit Stolz sagen: Ich bin ein deutscher Bürger. Das ist in der That das erste Wort, das immer sprechen zu dürfen sich der deutsche Patriot sehnt. Darum begrüßten wir vor dreißig Jahren so stürmisch die Einigung des Reiches, darum arbeiteten wir rastlos in den Schreibstuben und Laboratorien, in den Handlungsbureaus und Fabriken, zu Hause und über See. Es gelüstet uns nicht nach fremdem Gute oder nach der Unterdrückung freier Völkerschaften. Jedem das Seine, aber auch uns das Unsere, die freie Bahn über alle Meere und an jeder Stätte den heiligen Schutz der vaterländischen Macht, daß ein Jeglicher von uns sagen, überall rufen kann: "Ich bin ein deutscher Bürger!".

Um den politischen Hintergrund des Limes und seine Funktion gegen anbrandende Völkerscharen zu erklären, wird häufig der Hinweis auf die Chinesische Mauer ins Spiel gebracht. Ein aktueller Anlaß war die Niederschlagung des sog. Boxeraufstandes in China, an dem auch kaiserliche Truppen wenig rühmlich beteiligt waren. Bemerkenswert sind auch in den Zeitungen die zahlreichen Erwähnungen der Aktivitäten zu Wasser. 1900 wurde das zweite deutsche Flottengesetz verabschiedet, daß eine starke Erweiterung der Seestreikräfte bis 1917 vorsah. In der Kommentierung der Rede zur Grundsteinlegung wird auf die berechtigten Forderungen einer Großmacht hingewiesen, nationale Gebietserweiterung durch Krieg jedoch abgelehnt. Die Feier mit ihrem eigentlichen Anlaß tritt vollkommen in den Hintergrund.

Die Saalburg als Ausflugs-Attraktion konnte erst durch die Erschließung der Landschaft zugänglich gemacht werden. Durch den Bau einer elektrischen Straßenbahn wurden Touristen aus der Stadt in eine stimmungsvolle Parklandschaft geführt - eine Synthese von Natur- und Bildungserlebnis. Ein Besuch der Saalburg kann auch als Ersatz einer Italienreise verstanden werden, eine Kulturreise an einem Nachmittag; ein belehrendes Beispiel der zu dieser Zeit erlöschenden Ruinenromantik des 19. Jahrhunderts. In einem Zeitungsbeitrag wird dies noch einmal formuliert: "Aus der sonnenhellen Gegenwart, aus der Mitte rauschenden Lebens treten wir zu waldverlorenen, grünumsponnen Stätten vergangener Tage, die von herbstlich falbem Laub überschüttet sind, und auf deren Mauern Drossel und Meise ihr Liedchen zwitschern, wie es dereinst vor zwei Jahrtausenden dem römischen Centurio in die Ohren klang, der, an die porta praetoria gelehnt, in den Wald hinausblickte und vielleicht weit nach Süden, nach Baiae´s meerumflutheten Gestaden, seine Gedanken auf die Wanderung schickte".

Abb.1: Die 'via triumphalis' mit Besuchergruppe
Abb.2: Die Ansprache Wilhelms' II.

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