Projektbeschreibungen unpublizierter Dissertationen im Fach Archäologie der Römischen Provinzen (AdRP)



Martin Grünewald,
Die römischen Gräberfelder von Mayen (unpublizierte Dissertation Universität Köln WS 2009/2010).
  1. Betreuer der Dissertation: Prof. Dr. Thomas Fischer, PD Dr. Salvatore Ortisi.
  2. Förderung: Promotionsstipendium des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz.

Einleitung
Die herausragende Bedeutung des antiken Wirtschaftsstandorts Mayen begründet sich mit den dort hergestellten Mühlsteinen und der rauwandigen Keramik, die in weiten Bereichen Mitteleuropas Verbreitung fanden. Spätestens mit der Präsenz Roms am Rhein um die Zeitenwende wurde der Abbau in den Mühlsteinbrüchen umfänglich ausgeweitet um die römischen Armeen bis an die Lippe und später bis hin zum Hadrianswall zu versorgen. Von der Spätantike bis zum hohen Mittelalter stellt die Produktion von – ebenfalls bis nach Großbritannien und in die Schweiz exportierter – rauwandiger Keramik das zweite überregional wichtige Handwerk Mayens dar. Zusammenhänge von den Bestatteten zu den bedeutenden Produkten Mayens ließen sich durch die Dissertation über die römischen Gräberfelder Mayens herausstellen und bilden einen Teil des Forschungsschwerpunktes „Entstehung einer Industrielandschaft – das antike Steinbruch- und Bergwerkrevier zwischen Eifel und Rhein“ des Forschungsbereichs Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz und Mayen.

Siedlungskontinuität von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart
Die Dissertation schließt die Lücke zwischen bereits publizierten vorgeschichtlichen und merowingerzeitlichen Gräbern und erlaubt entgegen bisheriger Thesen die Aussage, dass Mayen von der Latènezeit bis in die Gegenwart kontinuierlich besiedelt war. In einem umfangreichen Katalog wird das Fundmaterial aus 368 Gräbern der Forschung erstmals zugänglich. Es handelt sich dabei um die römischen und späteren Bestattungsplätze „Auf der alten Eich“, an der Hahnengasse und der Koblenzerstraße, bei den Kirchen sowie einzelne Gräber im Umfeld Mayens (Abb. 1).
Der Beginn der Siedlung von Mayen wird im Kontext mit dem Bedeutungsgewinn der Mühlsteinbrüche aufgrund der Präsenz Roms am Rhein ab caesarisch-augusteischer Zeit (1. Jahrhundert v. Chr.) gesehen. Entgegen bisheriger Annahmen wurde Mayen seit der Anlage des bereits publizierten spätlatènezeitlichen Gräberfelds am Amtsgericht in spätcaesarisch-frühaugusteischer Zeit kontinuierlich besiedelt: Im direkten zeitlichen Anschluss zu dem vorgenannten Gräberfeld wurde der Bestattungsplatz „Auf der alten Eich“ (Abb. 2) von der frühen römischen Kaiserzeit bis in das 8. Jahrhundert ununterbrochen belegt. Nach der Auflassung der römisch-merowingerzeitlichen Gräberfelder dort und an der Hahnengasse bestatteten die Mayener im Mittelalter nahe der Veitskirche und Clemenskirche.

Konservative Sitten und Akkulturation
Die Bevölkerungsstruktur und -genese Mayens wird von zwei wichtigen Komponenten bestimmt: Zum einen sind im Zusammenhang mit der Kontinuität der einheimischen Bevölkerung konservative Sitten über die beobachteten Zeiten hinweg erkennbar. Ein Aufkommen mediterraner Grabsitten ab spätestens frühflavischer Zeit (zweite Hälfte 1. des Jahrhunderts), ihre Standardisierung im 2. Jahrhundert, ein Wandel zur Inhumation und eine Wiederaufnahme der Beigabensitte im 4. Jahrhundert mit umfangreichen Glasbeigaben (Abb. 3) sowie eine spätere Beigabenlosigkeit im 5. Jahrhundert erfolgten in Mayen im Vergleich zu Gräberfeldern am Rhein sehr spät. Zum anderen lassen sich vor allem in Zeiten des Umbruchs während der beiden Jahrhunderte um Christi Geburt sowie im 4. bis 6. Jahrhundert in mehreren Phasen immer wieder neue Bevölkerungsanteile fassen. Diese können jeweils über eine oder zwei Generationen durch neue Beigabensitten, Grabbräuche und separate Bestattungsareale innerhalb des gemeinsamen Gräberfelds „Auf der alten Eich“ vermutet werden. Sie scheinen jedoch stets in einer gemeinsamen, häufig von alteingesessenen und neu dazu gekommenen Elementen geprägten Kultur aufzugehen. Eine daraus erschließbare funktionierende Akkulturation wird für das Mayener Gebiet mit seinen wichtigen Rohstoffvorkommen als genauso spezifisch gesehen, wie die sonst selten so lange nachweisbare Siedlungskontinuität von der caesarisch-augusteischen Zeit bis in das Mittelalter und in die Gegenwart.
Die Ansiedlung fremder Bevölkerungsanteile und die langfristige Kontinuität (Abb. 4) begründen sich daher mit der Attraktivität des Mayener Wirtschaftsraums, seinen wichtigen lithischen Vorkommen sowie den Mayener Töpfereien. Anhand der bekannten Grabbefunde und -funde wurden aufgrund dieser Kontinuität Erkenntnisse zu Siedlungsgenese, Zusammensetzung, Wandel und Wohlstand der Mayener Bevölkerung über einen Zeitraum erreicht, der nördlich der Alpen bezüglich einer einzigen Siedlung keine Parallelen kennt.

Abb. 1 Plan der Gräberfelder von Mayen (weiß: Spätlatène bis frühe Kaiserzeit, hellgrau: römisch, grau: merowingerzeitlich, dunkelgrau: mittelalterlich, schwarz: neuzeitlich).
Abb. 2 Schematisierter Plan des Gräberfelds von Mayen „Auf der alten Eich“.
Abb. 3 Spätantike Gläser aus Grabinventar 218 des Gräberfeldes Mayen „Auf der alten Eich“.
Abb. 4 Graphik zur Belegungsdauer der wichtigsten Gräberfelder Mayens (grauer Kasten: belegt, leerer Kasten: wahrscheinlich belegt, gestrichelter Kasten: vielleicht belegt).

Abbildungsnachweis
Abb. 1 und 2: Verfasser auf Grundlage der TK 1:25.000 Mayen ©GeoBasis-DE/LVermGeoRP2010_02_02; Abb. 3: Foto Volker Iserhardt, RGZM; Abb. 4: Verfasser.

Literatur zu den Gräbern von Mayen:
H. Ament, Die fränkischen Grabfunde aus Mayen und der Pellenz. Germ. Denkmäler Völkerwanderungszeit B9 (Berlin 1976).
M. Grünewald, Eine römische Hundebestattung mit zugehörigem Fressnapf aus Mayen. Arch. Korrbl. 39, 2009, 251-261.
M. Grünewald, Die römischen Gräberfelder von Mayen. Arch. Nachrichtenbl. 15, 3, 2010 (im Druck).
M. Grünewald, Die römischen Gräberfelder von Mayen. Monogr. RGZM (in Vorbereitung).
M. Grünewald / S. Hartmann, The Late Antique glass from Mayen (Germany): First results of chemical and archaeological studies. In: B. Zorn (Hrsg.), Glass along the Silkroad from 200 BC to 1000 AD. RGZM-Tagungen (im Druck).
W. Haberey, Spätantike Gläser aus Gräbern von Mayen. Bonner Jahrb. 147, 1942, 249-284.
B. C. Oesterwind, Die Spätlatènezeit und die frühe Römische Kaiserzeit im Neuwieder Becken. Bonner H. Vorgesch. 24 (Bonn 1989).

Literatur zum Forschungsbereich (Auswahl):
A. Glauben / M. Grünewald / L. Grunwald, Mayen am Übergang von Spätantike zu frühem Mittelalter. In: O. Wagener (Hrsg.), Der umkämpfte Ort. Von der Antike zum Mittelalter. Mediaevistik Beih. 10 (Frankfurt 2009), 135-156.
A. Hunold, Altes und Neues aus dem römischen Mayen. Eine neue Karte zur Topographie des vicus. Acta Praehist. et Arch. 34, 2002, 69-82.
F. Mangartz, Römischer Basaltlava-Abbau zwischen Eifel und Rhein. Monogr. RGZM 75 = Vulkanpark-Forsch. 7 (Mainz 2008).
H. Schaaff, Der Vulkanpark Osteifel – Wissenschaft und Tourismus in einem alten Steinbruch- und Bergwerksrevier. In: A. Belmont / F. Mangartz (Hrsg.), Mühlsteinbrüche. Erforschung, Schutz und Inwertsetzung eines Kulturerbes europäischer Industrie. RGZM-Tagungen 2 (Mainz 2006), 215-224.

Download der Projektbeschreibung mit Abbildungen.

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Marion Brüggeler,
Der Fundplatz Hambach 132. Villa rustica und spätantike Glashütte (unpublizierte Dissertation Universität Köln WS 2004/2005).
  1. Betreuer der Dissertation: Prof. Dr. Thomas Fischer.
  2. Gefördert durch ein Stipendium der 'Stiftung zur Förderung der Archäologie im Rheinischen Braunkohlenrevier'.

Die Dissertation hat die wissenschaftliche Aufarbeitung und Vorlage der Befunde des Fundplatzes Ha 132 zum Ziel. In der Mitte des 1. Jh. wurde hier eine villa rustica gegründet, die anscheinend bis zum Ende des 3. Jh. bestand. Im 4. Jh. siedelten sich Glasmacher dort an. Das zeitgleiche Gräberfeld mit zahlreichen Glasbeigaben aus der Produktion der Glashütte umfasst 52 Gräber. Die Bestattungen reichen bis in die ersten Jahrzehnte des 5. Jh. Der Fundplatz liegt im Rheinischen Braunkohlenrevier westlich von Köln im Gebiet des Tagebaus Hambach und etwa 3 km südlich der antiken Fernstrasse von Köln nach Bavay. Im Vorfeld des Tagebaus wurde und wird das betroffene Areal vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege intensiv archäologisch untersucht. In der römischen Kaiserzeit war das Gebiet in Form von landwirtschaftlichen Einzelsiedlungen - villae rusticae - intensiv besiedelt. In der zweiten Hälfte des 3. Jh. wurden die meisten Gehöfte wieder aufgegeben, es breitete sich vermehrt Wald aus. In der Spätantike siedelten sich Glasmacher auf den Plätzen der alten villae an. Mittlerweile sind neben der Glashütte von Ha 132 sechs weitere bekannt. Erste Ausgrabungen fanden im Jahre 1977 unter der Leitung von W. Czsysz statt. Da für die Grabung nur wenige Wochen zur Verfügung standen, musste sich Czsysz auf die gezielte Freilegung von Gebäuden beschränken, die durch Schutthügel kenntlich waren. Er entdeckte das Hauptgebäude, mit Eckrisaliten und Portikus, das eine einfache Badeanlage aufwies, eine Hypokaustheizung, einen Innenhof mit Backofen sowie in einem späteren Anbau eine Kanalheizung. In dem Backofen fand sich ein kleiner Münzhort aus 10 Antoninianen des Tetricus mit einem terminus post quem von 273 n.Chr. In einer Ecke des Innenhofes konnte ein umfangreiches Metalldepot bestehend aus zahlreichen Werkzeugen, landwirtschaftlichem Gerät, Wagenteilen und Baueisen aufgedeckt werden. Des weiteren legte Czsysz mehrere Nebengebäude frei, darunter eine Metallwerkstatt. Er konnte auch einen Glasofen südl. des Hauptgebäudes identifizieren, den er zunächst als Ofen zur Perlen bzw. Glasarmringherstellung ansprach. Es handelt sich jedoch um einen Ofen zur Herstellung von Gefässglas. Nach knapp 20jähriger Pause wurden die Grabungen in den Jahren 1994-96 aufgrund des nun unmittelbar bevorstehenden Geländeabbaus fortgesetzt. Die wissenschaftliche Leitung hatte W. Gaitzsch, Aussenstelle Titz des RAB, inne. Gaitzsch legte das Gelände grossflächig frei und erfasste auch die Umfassungsgräben, die mit Massen von 200 x 260 m den grössten bislang bekannten römischen Siedlungsplatz im Hambacher Forst umschlossen. Das Gelände beherbergte noch weitere Nebengebäude, 7 Brunnen, ein mittelkaiserzeitliches Brandgräberfeld mit 25 Gräbern sowie das oben erwähnte spätantike Gräberfeld mit 40 Körperbestattungen und 12 Brandgräbern. Fünf der Gräber enthielten spätrömische Gürtelgarnituren. Ein etwa 5-jähriges Kind wurde in einem Bleisarkophag bestattet. Das Gräberfeld setzt in der 2. Hälfte des 3. Jh. ein und wurde bis in die ersten Jahrzehnte des 5. Jh. belegt. Nördlich des Hauptgebäudes im Bereich der Brunnen konnte ein Pfostenständerbau freigelegt werden, der neun Glasöfen beherbergte. Vier weitere lagen unmittelbar neben diesem Bau. Es gilt, die Funde und Befunde katalogmässig zu erfassen und in den siedlungsarchäologischen Gesamtkontext des Hambacher Forstes einzuordnen. Zu diesem Zweck wurden auch Bodenproben – z.T. aus Bohrprofilen der Brunnen - zur Untersuchung in Auftrag gegeben sowie die erhaltenen Tierknochen analysiert. Dabei interessiert insbesondere der Siedlungsablauf, d.h. zu welcher Zeit wurden welche Gebäude auf welche Weise genutzt und wie sahen sie möglicherweise aus. Anhand der Fundverteilung soll versucht werden, den verschiedenen Gebäuden und Bereichen ihre ehemalige Funktion zuzuweisen und zeitlichen Schwerpunkten der Siedlungsaktivität nachzuspüren. Ferner wird der Frage nachgegangen, ob es eine kontinuierliche Besiedlung gab und wo sich Brüche in Besiedlung oder Nutzung nachweisen lassen. Besonders wichtig ist hierbei, den Zusammenhang zwischen der kaiserzeitlichen villa rustica und dem Betrieb der Glashütte herauszuarbeiten. Durch eine intensive Bearbeitung des spätantiken Gräberfeldes verspreche ich mir genauere Aufschlüsse über diese Übergangszeit am Ende des 3. Jh.. Die Belegungsdauer des beigabenreichen Gräberfeldes, in dem die Betreiber der Glashütte nach Ausweis von Glasanalysen (vgl. Gaitzsch et al. Im Druck) offenbar ihre Verstorbenen bestatteten, soll auch Aufschlüsse über die genaue Dauer der Glasherstellung am Ort geben. Ferner gilt es, das Verhältnis der beiden örtlich getrennten Glaswerkstätten nördlich und südlich des Hauptgebäudes der villa zu beleuchten. Darüber hinaus sollen die Funde und Befunde der Glashütte genauestens auf Hinweise zu technischen Details zur Glasherstellung untersucht und der Frage nachgegangen werden, ob auf dem Platz Rohglasherstellung stattgefunden hat .

Literatur:
W. Czsysz, Ein römischer Gutshof am Fundplatz 77/132 im Hambacher Forst, AiR 77 (1978) 118-127.
W. Gaitszch, Spätrömische Glashütten im Hambacher Forst. Die Werkstatt des ECVA-Produzenten. In: M. Polfer, Artisanat et productions artisanales en milieu rural dans le provinces du nord-ouest de l'Empire romain. Actes de coll. 4./5. Mars 1999 Luxembourg. Monographies Instrumentum 9, Luxemburg 1999, 125-149.
W. Gaitzsch, Das Gräberfeld einer spätantiken Glashütte, AR 1996 (1997) 72-84.
W. Gaitszch, Eine spätantike Glashütte im Hambacher Forst, AR 1994 (1995) 93f.
W. Gaitzsch, A.-B. Follmann-Schulz, K.-H. Wedepohl, G. Hartmann, U. Tegtmeier, Spätrömische Glashütten im Hambacher Forst westlich von Köln. Der Produktionsort der ECVA-Fasskrüge. Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen. Bonner Jahrb. 200, 2000.
V. Zedelius, Ein kleiner Börsenfund des 3. Jh. aus einer römischen villa im Hambacher Forst, AiR 77, 1978, 127 f.

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Christina G. Alexandrescu,
Die Musikbläser und Standartenträger im römischen Heer. Untersuchung zu Benennung, Funktion und Ikonographie (unpublizierte Dissertation Universität Köln SoSe 2004).
  1. Betreuer der Dissertation: Prof. Dr. Thomas Fischer.
  2. Gefördert im Rahmen des Graduiertenkollegs Formierung und Selbstdarstellung städtischer Eliten in den Provinzen des Römischen Reiches.

Die Musikbläser und Standartenträger sind die Kategorien von principales, deren Hauptfunktion die akustische bzw. optische Signalgebung ist, das heißt die Vermittlung von Kundgebungen mit bestimmter und vorher vereinbarter Bedeutung.
Eine sehr wichtige Erfordernis war, daß die Soldaten immer und überall diese Signalsprache erkannten und ihr folgten [Vegetius, II.6: in sedibus, in itineribus, in omne exercitatione castrensi]. Diese Fähigkeit war schon bei der Rekrutierung zu überprüfen.

Für die Identifizierung der einzelnen Kategorien und deren genaue Funktion sind leider wenige Hinweise vorhanden. Die Namen dieser Musiker und Standartenträger leiten sich ab von dem Instrument, bzw. der Standarte ,die sie bliesen bzw. trugen: tubicines, cornicines, bucinatores, liticines; signiferi, aquiliferi, imaginiferi, vexillarii. Ein terminologisches Problem besteht darin, ob ein Allgemeinbegriff für diese Kategorien verwendet wurde und, wenn ja, welchen (etwa aeneatores / aenatores; tubicines; signiferi).

Tubicines und cornicines sind bereits in der sog. servianischen Verfassung (um die Mitte des 5.Jh. v.Chr.) erwähnt und besaßen damals Stimmrecht mit der untersten Klasse der stimmfähigen Bürger (Titus Livius I, 43, 7).
Die tubicines gaben fest vereinbarte Signale zum Alarm, Aufbruch und Angriff. Sie bliesen beim täglichen Dienst, zur Wachablösung und auf dem Marsch, im Triumphzug, bei Begräbnissen und Prozessionen. Seit den ältesten Zeiten wurden die Römer von den cornicines zu den Versammlungen zusammengerufen. Während die tuba vorwiegend Hauptsignale für die taktischen Bewegungen aller Soldaten gab, bezog sich der cornu-Ruf auf die Bewegung von signiferi (siehe Abb. 1 und 2).

Im Lagerdienst war bucina wichtig für den Tageslauf und seine Zeiteinteilung. Die nächtlichen Wachen wurden durch den bucina-Klang zum Dienst aufgerufen. Die einzelnen Zeiten wurden dann einfach nach den Signalen durchnumeriert (prima bucina, secunda bucina ...).

Einen besonderen Fall bilden die liticines. Sie sind gelegentlich als Militärmusiker der Reiterei erwähnt. Die Spärlichkeit der sonstigen Überlieferungen läßt aber eher vermuten, daß es sich dabei um ein terminologisches Mißverständnis handeln kann.

Von den optischen Signalen werde ich diejenigen betrachten, die gewöhnlich allgemein als signa gefasst werden, also die Standarten und Fahnen. Es ist eine bekannte Eigentümlichkeit der lateinischen Sprache, die Bewegungen der Truppen durch die entsprechenden Bewegungen der signa zu bezeichnen. Jede Truppengattung und Truppeneinheit hatte mehrere Standarten. Außer den signa hatte die Legion seit Marius (um 100 v.Chr.) auch den Adler (aquila). Er ist von lediglich symbolischer Bedeutung, der Ausdruck der Zusammengehörigkeit der Truppe.

Eine andere Art signa sind die Kaiserbildnisse die von imaginiferi getragen worden sind und an den Prätorianerstandarten befestigt waren. In der Legion als in den Auxiliarkohorten finden wir auf den Inschriften besondere imaginiferi.
Eine vexillatio erhielt als Symbol ihrer Zusammengehörigkeit ebenfalls eine Fahne, das vexillum. Ein oft anzutreffender Fall in den antiken Texten ist die Verwechselung zwischen signum und vexillum, wobei zu beachten ist, daß das vexillum als die älteste überlieferte Fahne gilt. Die signiferi hatten auch andere Funktionen zu erfüllen, und zwar die Sparkasse ihrer Einheit zu verwalten. Dafür mußten sie über die entsprechenden Kenntnisse verfügen. Im römischen Heer haben diese Standarten eine wichtige Rolle gespielt: taktisch und symbolisch.

Es bleibt aber zu untersuchen, welche Standartenformen in welchen Zusammenhängen getragen wurden und inwiefern die Änderungen in der Organisation des Heeres das Signalwesen beeinflußt haben. In der Rangordnung des Heeres gehörten die Musiker und Standartenträger zu den "Unteroffizieren" (principales) und konnten sich unter Septimius Severus in Kollegien zusammenschließen. Die Hierarchie unter verschiedenen Musikbläsern und Standartenträgern ist nur in Einzelfällen überliefert und bleibt besonders bei Musikbläser eine offene Frage.

Die Forschungsgeschichte dieses Themas ist nicht sehr umfangreich und fußt auf den Werken von Alfred von Domaszewski (über Rangordnung, Fahnen und Religion des römischen Heeres), von Fr.Behn (römische Militärmusik und Musikleben in der Antike), und von C.Cauer der 1881 die epigraphische Überlieferung zusammengestellt hat. In der bisherigen Fachliteratur haben die untersuchten Kategorien, vor allem aber die Musikbläser, nicht viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es wurden meistens Einzelstücke oder Einzelaspekte behandelt.

Für die Gewinnung eines umfassenden Bildes von römischen Musikbläsern und Standartenträgern ist es nötig, außer den epigraphischen und literarischen Überlieferungen, auch die Darstellungen und die Originalfunde im Betracht zu ziehen.

Die chronologische und geographische Einschränkung meiner Arbeit kann nur relativ sein (umfaßt etwa das 1.Jh.v.Chr. bis zum 3.Jh. n.Chr.) und ist bei jeder Quellengattung unterschiedlich und meistens von dem Forschungsstand abhängig.
Im Laufe der Erforschung habe ich immer wieder beobachten können, daß die Standartenträger in enger Verbindung mit den Musikern standen, sei es in der Schlacht oder im Lagerdienst, sei es beim Marschieren oder Exerzieren (siehe e.g. Abb.2).

Es hat sich also als sinnvoll ergeben, die parallele, in Einzelfällen sogar gemeinsame Untersuchung der Ikonographie der Musikbläser und Standartenträger für meine Arbeit vorzunehmen. Methodisch empfiehlt sich die schriftliche und bildliche Überlieferung sowohl getrennt als auch in Zusammenhang mit den anderen zu untersuchen.

Ein Problem besteht darin, eine Unterscheidung zwischen dem »militärischen« und »zivilen« (d.h. Kult- und Unterhaltungszwecke) Bereich zu treffen. Dies läßt sich leider nicht ohne weiteres durchführen, besonders im Falle der historischen Reliefs. Die Ikonographie der beiden Kategorien von Soldaten kann aber durch die bei anderen Quellengattungen gemachten Erkenntnisse überprüft, ergänzt oder in Frage gestellt werden. Wobei man sicherlich darauf achten muß, daß nur bestimmte ausgewählte Themen dargestellt wurden und die Realitätstreue einzelner Darstellungen und Gattungen sehr unterschiedlich und von mehreren Faktoren abhängig ist (etwa Werkstatttradition, Vorbild, Vorlage, Auftraggeber usw.).
Die Dokumentation der noch vorhandenen Funde, die sonst meistens nur durch spärliche und ziemlich alte Publikationen bekannt sind, kann sich als sehr hilfreich erweisen. Es muß aber betont werden, daß fast alle besser erhaltenen Funde aus nichtmilitärischen oder unbekannten Fundkontexten kommen (e.g. Abb. 3-4: die tuba aus Kupferlegierung im Saumur, Château-Musée, Inv.340.2 – das Instrument besteht aus mehreren auseinandernehmbaren Rohrteile; für den reich verzierten Endteil mit dem Mundstück konnten ikonographische Vergleiche festgestellt werden).

Die Kataloge der ikonographischen und archäologischen Überlieferungen – anders als bei den Inschriften - werde ich im Rahmen meiner Dissertation auf die aussagekräftigsten Beispiele begrenzen müssen. Dies betrifft besonders die Funde von Standartenelementen. Die richtige Bearbeitung dieser Gattung ist sehr wichtig und notwendig, wäre aber in einer Arbeit wie meiner nicht angemessen zu bearbeiten.

Anhand meiner bisherigen Forschungsergebnisse scheint es mir möglich, im Rahmen meiner Dissertation, das Bild der behandelten Kategorien von Soldaten auf folgenden Gebieten erweitern oder ändern zu können: a. Terminologie; b. Funktion und Hierarchie der untersuchten Kategorien; c.Ikonographie der Musikbläser und Standartenträger + eventuelle Anhaltspunkte für den Unterschied zwischen »kriegerischen« und »zivilen« Bereich; d. Ikonographie von Standarten; e. morphologische Merkmale der im römischen Heer verwendete Musikinstrumente

Ausgewählte Literatur:
Fr.Behn, Die Musik im römischen Heere, MainzZ VII (1912) 36 ff., Taf.V
Fr.Behn, Musikleben im Altertum und frühen Mittelalter Stuttgart, 1954
A. Bélis, Les termes grecs et latins désignant des spécialités musicales, Rev.Phil. LXII (1988), 227 ff.
R.Cagnat, Le règlement du collège des tubicines de la légion IIIe Auguste, Klio VII (1907/1966), 183 ff.
Jerôme Carcopino, Essai d'inteprétation des règlements des Collèges de musiciens militaires, RendPontAc, seria III, (1926) 217 ff.
Alfred von Domaszewski, Die Fahnen im römischen Heer, Abhdl. des Archäologisch - Epigraphischen Seminars der Universität Wien, 5, 1988
Alfred von Domaszewski, Die Rangordnung des römischen Heere, Bonn, 1908 ; Köln, 21967
Michael Egger, Ikonographisches zur römischen Standarte von Gauting. Neue Aspekte und Perspektiven, Festschr. H.Dannheimer 1999, 98 ff.
Günther Fleischhauer, Die Musikgenossenschaften in hellenistisch - römischen Altertum. Beiträge zum Musikleben der Römer, ungedrückte Diss., Halle, 1959
Frederike Fless, Opferdiener und Kultmusiker auf stadtrömischen historischen Reliefs. Untersuchungen zur Ikonographie, Funktion und Benennung, 1995
H.G.Horn, Ein römischer Bronzeadler, Jb RGZM 19. Jahrgang (1972), 63 ff.; Taf. 3-14
M.Klar, Musikinstrumente der Römerzeit in Bonn, BJb, 171 (1971), 301ff.
Peter Krentz, The salpinx in Greek batle, in V.D.Hanson (ed.), Hoplites. The Clasical Greek Battle Experience, 1993, 110 ff.
E.Künzl, Die sakralen Objekte und Votive in E.Künzl, Die Alammanebeute aus dem Rhein bei Neupotz, 1993, 89 ff.
Max Mayer, Vexillum und vexillarius, 1910
R.Meucci, Riflessioni di archeologia musicale: gli strumenti militari romani e il lituus, "Nuova Rivista Musicale Italiana", XVIII (1985), 385 ff.
R.Meucci, Lo strumento del bucinator A.Surus e il cod.Pal.Lat. 909 di Vegezio, BJb, 187 (1987), 259 ff.
C.Panella, Meta Sudans I. Un'area sacra in Palatino e la valle del Colosseo prima e dopo Nerone, Roma, 1996
M. Pinette (ed.), Le Carnyx et la Lyre. Archéologie musicale en Gaule Celtique et Romaine, 1993-1994
M.P.Speidel, Eagle-Bearer and Trumpeters. The eagle-standard and trumpets of the Roman legion illustrated by three tombstones recently found at Bysantion, BJb, 176 (1976), 123 ff.
Oliver Stoll, Excubatio ad signa. Die Wache bei den Fahnen in der römischen Armee und andere Beiträge zur kulturgeschichtlichen und historischen Bedeutung eines militärischen Symbols, 1995 D stindarde ex lib.- x.
Oliver Stoll, Die Fahnenwache in der römische Armee, ZPE 108 (1995), 107 ff.
Oliver Stoll, Der Adler im "Käfig". Zu einer Aquilifer-Grabstele aus Apamea in Syrien, ArchKorrbl 21, Heft 4, (1991), 535-538
G.Walser, Römische und gallische Militärmusik, in Festschr. A.Geering, 1972, 231 ff.
Graham Webster, Standards and Standard-Bearers in Ala, BJb, 186 (1986), 105 ff.
Günther Wille, Musica Romana. Die Bedeutung der Musik im Leben der Römer, Amsterdam, 1965
Willem Zwikker, Bemerkungen zu den römische Heeresfahnen in der älteren Kaiserzeit, 27.BerRGK 1937 (1939), 7 ff.

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Alexandra Busch,
Militär in Rom. Studien zur Präsenz militärischer und paramilitärischer Einheiten im kaiserzeitlichen Stadtgebiet (unpublizierte Dissertation Universität Köln SoSe 2004).
  1. Betreuer der Dissertation: Prof. Dr. Thomas Fischer.
  2. Gefördert aus Mitteln der Gerda Henkel Stiftung im Rahmen des Projektes "Stadtkultur in der römischen Kaiserzeit“ am DAI Rom.

Gegenstand meiner Untersuchung ist die Präsenz militärischer und paramilitärischer Truppeneinheiten in Rom und seiner Umgebung. Das Ziel ist die Erfassung des kulturellen Erscheinungsbildes des Militärs in der Stadt sowie seiner Wirkung auf die städtische Bevölkerung.

In republikanischer Zeit durfte sich nach sakralrechtlichen Vorschriften kein Heer innerhalb des pomerium der Stadt Rom aufhalten. Erst jenseits davon begann das imperium militiae. Die dadurch geprägte Vorstellung von Rom als „entmilitarisierter“ Zone wurde in der Forschung häufig auf die Kaiserzeit übertragen. Doch belegen zahlreiche schriftliche Quellen die Anwesenheit militärischer und paramilitärischer Einheiten im Stadtgebiet und in der unmittelbaren Umgebung während dieser Epoche.

Archäologisch faßbar ist das Militär in den baulichen Überresten der Lager und Unterkünfte, in den Befunden der Nekropolen, in den bildlichen Darstellungen römischer Soldaten bei Tätigkeiten innerhalb der Stadt sowie durch Militariafunde. Damit erweist es sich als Bestandteil der städtischen Kultur Roms.

Bisher fehlt jedoch eine systematische Auseinandersetzung mit den Funden und Befunden in Kombination mit der literarischen und epigraphischen Überlieferung. Das Fehlen einer zusammenfassenden Untersuchung findet seine Ursache einerseits in der Trennung der fachlichen Interessensbereiche von Provinzialrömischer und Klassischer Archäologie, zum anderen aber auch in der Vorstellung vom Verbot des Militärs in Rom.

Meine Untersuchung verfolgt zwei eng miteinander verknüpfte Ziele. Zum einen die quantitative Erfassung der militärischen Präsenz, die als solche schon erste Schlüsse über die Bedeutung des Militärs für das städtische Leben zuläßt. Zum anderen geht es um die qualitative Bewertung eben dieser Hinterlassenschaften, d.h. um die Erscheinungsformen des Militärs, seine Wirkung und Bedeutung für das zivile Leben in Rom.

Die dauerhafte Anwesenheit von Soldaten wird durch ihre Lager und Unterkünfte deutlich. Um ihre Bedeutung im Stadtbild zu begreifen, müssen alle Lager, alle kasernenartigen Unterkünfte sowie einfache Wachtposten erfaßt werden. Es ist zu prüfen, ob diese an besonders exponierten Stellen oder Verkehrsknotenpunkten lagen, um zu erschließen, wie sehr sie das Stadtbild prägten und wie deutlich ihr Vorhandensein dadurch der stadtrömischen Bevölkerung war. Hat man sich die topographische Lage der Kasernen klar gemacht, muß man nach den urbanen Strukturen fragen, in die sie eingebettet waren. Schließlich ist das Verhältnis zwischen Stationierungs- und Einsatzort der Einheiten zu untersuchen, das Rückschlüsse auf organisatorische Abläufe des Militärdienstes in der Stadt zulassen könnte.

In einem zweiten Schritt sind die einzelnen Bauabschnitte der Lager genauer zu betrachten, wobei die Umwehrungen eine besondere Rolle spielen, da ihre Gestaltung, d.h. die Tore, die Bauweise und Höhe der Mauer sowie möglicherweise vorhandene Annäherungshindernisse die Außenwirkung des Lagers bestimmte. Bei der Innenbebauung sind Bauweise und Ausstattung der Gebäude zu untersuchen, um zu erfahren, ob und inwieweit sich ein stadtrömisches Lager von der sonst bekannten "Militärarchitektur" unterschied.

Ein anderer Ausdruck militärischer Präsenz läßt sich in den Nekropolen fassen. Da bei der Nekropole der equites singulares Augusti an der Via Labicana mit Sicherheit von einer Soldatennekropole gesprochen werden kann, wäre zu prüfen, ob diese einen Ausnahmefall darstellt, oder ob sich ähnliches auch für andere Einheiten nachweisen läßt. Letzteres würde zumindest nahegelegt durch die Fundsituation von Grabdenkmälern der Prätorianer und der urbanici in einer Nekropole nahe der Milvischen Brücke. Ließen sich weitere Soldatennekropolen nachweisen, wäre zu untersuchen, ob sich ihre Gestaltung, wie bei der Nekropole der equites singulares Augusti, von der ziviler Nekropolen abhob oder sich an diese anschloß. Handelt es sich bei der Nekropole der equites singulares Augusti jedoch um einen Einzelfall, müßte man danach fragen, wo und auf welche Art man sich als Soldat in Rom bestatten ließ. Ein Ziel der Betrachtung ist es also, die topographische Lage der Nekropolen von Soldaten besser zu verstehen: im Bezug zu den Militärlagern wie auch im Verhältnis zu den Nekropolen der Zivilbevölkerung; ferner zu erfassen, welche Soldaten sich wo bestatten lassen; wer sich zusammen mit wem bestatten läßt, und wie gemeinsame Begräbnisstätten zu erklären sind.

Eng verknüpft mit den Nekropolen ist die Frage nach der Gestaltung der Grabdenkmäler, da diese das Bild der Nekropole prägten. Ferner ermöglicht die Untersuchung von Grabdenkmälern stadtrömischer Soldaten, Aussagen über deren Selbstdarstellung zu formulieren.

Die Grabdenkmäler der equites singulares zeigen durch die Beschränkung auf eine kleine Auswahl von Bildthemen und den einfachen Stil in ihrer Gesamtheit ein homogenes Bild. Sie waren als Grabdenkmäler einer bestimmten Gruppe – der equites singulares Augusti – deutlich erkennbar. Es ist nun auch für die übrigen Einheiten zu prüfen, ob sich die Soldaten als Gruppe oder als Individuen in Rom darstellen ließen. Gab es einheitspezifische Darstellungsweisen? Griff man zivile Darstellungsformen auf oder läßt sich in der Gestaltung der Denkmäler eine Art "Soldaten-Stil" fassen, der als ein solcher für die Bevölkerung Roms erkennbar war?

Neben Lagern und Unterkünften, Grabdenkmälern und Nekropolen belegen historische Reliefs (Chatsworth-Relief, Anaglypha Traiani) und schriftliche Quellen die Existenz und den Einsatz von Soldaten in Rom. Aus diesem Grunde dürfen sie bei den Überlegungen zum kulturellen Erscheinungsbild des Militärs nicht ausgeklammert werden. Historische Reliefs zeigen, daß bewußt mit der Darstellung von Soldaten operiert werden konnte, um dem Betrachter bestimmte Inhalte zu vermitteln. Es gilt sich auch diesen Inhalten zu nähern, um ein differenziertes Bild militärischer Präsenz im kaiserzeitlichen Rom zu entwerfen.

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Jutta Zerres,
Ausgrabungen von 1979/80 beim Hafentempel (Insula 37) der Colonia Ulpia Traiana (unpublizierte Dissertation Universität Köln WS 2001/2002).
  1. Betreuer der Dissertation: Prof. Dr. Thomas Fischer.
  2. Gefördert im Rahmen des Graduiertenkollegs Formierung und Selbstdarstellung städtischer Eliten in den Provinzen des Römischen Reiches.

Seit den Ausgrabungen, die unter Leitung von F. Oelmann und H. von Petrikovits in den Jahren 1934-36 im Bereich der Insula 37 durchgeführt wurden, ist nicht nur die Existenz des coloniazeitlichen Hafentempels von Xanten bekannt, sondern auch die einer Vorgängerbesiedlung der um 100 n. Chr. gegründeten Colonia Ulpia Traiana (Abb. 1).Die aufgefundenen Reste einer mehrphasigen Holzbausiedlung wurden von den Ausgräbern zunächst als Zentralort der in antiken Quellen für den Xantener Raum bezeugten germanischen Cugerner (oppidum Cugernorum) angesehen. Erst jüngere Forschungen haben den römischen Charakter der Siedlung herausgestellt. Diese Fehldeutung führte jedoch lange Zeit zur Vernachlässigung der Vorcoloniazeit zugunsten der Erforschung der eigentlichen römischen Stadtgeschichte ab dem frühen 2. Jahrhundert, obwohl die Befunde und Funde des 1. Jahrhunderts zumindest im Ostteil der Colonia Ulpia Traiana den Löwenanteil ausmachen.

In den Jahren 1977-80 wurden im Bereich der Insula 37 (Abb. 2) erneut Grabungen durchgeführt, um weitere Aufschlüsse über den Hafentempel zu gewinnen, da dieser im Maßstab 1:1 im Rahmen des 1973 gegründeten Archäologischen Parks den Besuchern gezeigt werden sollte (Abb. 3). Hierbei wurden im Anschluß an die Schnitte der dreißiger Jahre weitere Zonen der vorcoloniazeitlichen Besiedlung freigelegt.

Vor dem Hintergrund des in den letzten Jahren neuerwachten Interesses an der vorcoloniazeitlichen Besiedlung der Colonia Ulpia Traiana, rückten auch die Befunde und Funde dieser Altgrabung wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit, da hier wichtige Aufschlüsse über die Besiedlung des 1. Jahrhunderts und die Entstehungsphase der Colonia zu erwarten sind.

In dieser Arbeit sollen nun die Befunde (Reste von Holzarchitektur, Gruben, Gräber, Planierschichten, Brandschutthorizonte etc.) und Kleinfunde dieser Grabung vorgelegt werden. Dabei stellt die gleichzeitige Berücksichtigung beider archäologischer Quellengattungen in der Xantener Forschungsgeschichte eher eine Ausnahme dar. Abschließend soll eine Auswertung im Hinblick auf Fragen der Topographie und Siedlungsentwicklung im ausgegrabenen Areal sowie statistische Untersuchungen des Fundmaterials erfolgen.

Literaturhinweise:
U. Heimberg, Colonia Ulpia Traiana. Die früheste Keramik aus der Forumsgrabung. Bonner Jahrb. 187, 1987, 411 ff.
N. Zieling, Zum Stand der Vorcoloniaforschung im Gebiet der Colonia Ulpia Traiana. In: G. Precht/H.-J. Schalles (Hrsg.), Spurenlese. Beiträge zur Geschichte des Xantener Raumes (Köln 1989) 69 ff.
K. Kraus, Colonia Ulpia Traiana, Insula 38. Untersuchungen zur Feinkeramik anhand der Funde aus den Grabungen der sogenannten Herbergsthermen. Xantener Ber. 1 (Köln 1992) bes. 41 ff.
E. Goddard, Colonia Ulpia Traiana. Die Ausgrabungen im Bereich des Hauses am kleinen Hafentor (Insula 38) (München 1996).
B. Liesen, Töpfereischutt des 1. Jahrhunderts n. Chr. aus dem Bereich der Colonia Ulpia Traiana (Schnitt 76/20). Xantener Ber. 4 (Köln 1994).
M. Vollmer-König, Insula 39 - Grabung 1989-1991. In: Xantener Ber. 6 (Köln 1995) 9 ff.
U. Heimberg/U. Grote, Colonia Ulpia Traiana - Die römische Stadt. Planung, Architektur, Ausgrabung. (Köln 1998) 71 f.

Zu den bisher ergrabenen vorcoloniazeitlichen Siedlungsresten im Bereich der Insula 37:
H. von Petrikovits, Die Ausgrabungen in der Colonia Traiana bei Xanten. Die Ausgrabungen der Kernsiedlung und der Uferanlagen (1934-1936). I. Bericht. Bonner Jahrb. 152, 1952, 41 ff.
D. von Detten, Ein Fachgebäude beim Hafentempel der Colonia Ulpia Traiana. In: Archäologischer Park Xanten. 5. Arbeitsbericht zu den Ausgrabungen und Rekonstruktionen (Bonn 1981) 31 ff.
H. Stephan, Grabungen im Bereich der südlichen Umgrenzungsmauer des Hafentempelbezirks. ebd. 43 ff.
M.-Th. Ehses, Ein römisches Reibgefäß mit Zubehör aus dem Gebiet der Colonia Ulpia Traiana. Archäologie im Rheinland 1991 (1992) 89 f.
H. Berke, Reste einer spezialisierte Schlachterei in der Colonia Ulpia Traiana, Insula 37. In: Xantener Ber. 6 (K÷ln 1995) 301 ff.
M.-Th. Ehses, Die Malerausstattung aus der CUT, Insula 37. ebd. 307 ff.
G. Schneider, Untersuchungen von zehn Pigmentproben aus der CUT, Insula 37. ebd. 311ff.
Ch.-H. Fischer/J. G. Rabe, Untersuchung organischer Farbstoffe aus der CUT, Insula 37. ebd. 319 ff.

Zum Hafentempel und seiner Rekonstruktion zuletzt:
M. Trunk, Römische Tempel in den Rhein- und Donauprovinzen. Ein Beitrag zur architekturgeschichtlichen Einordnung römischer Sakralbauten in Augst. Forsch. in Augst 14 (Augst 1991).

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Michael Altjohann,
Das spätrömische Kastell Boiotro zu Passau-Instadt. Archäologische Studien zum Wirkungsraum des Severin von Noricum (unpublizierte Dissertation Universität Köln 1998).
  1. Betreuer: Prof. Dr. Thomas Fischer.
  2. Gefördert im Rahmen des Graduiertenkollegs Formierung und Selbstdarstellung städtischer Eliten in den Provinzen des Römischen Reiches.
  3. Die Arbeit wird zur Zeit zur Publikation in der Reihe "Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte" vorbereitet.

Die Geschichte des Weströmischen Reiches während des 5. Jhs. n. Chr. gilt in zweierlei Hinsicht als eine schwierige Epoche. Einerseits vollzieht sich hier in der Völkerwanderungszeit die Auflösung des westlichen Imperium Romanum; andererseits stehen für die historische Betrachtung dieser Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter nur wenige erzählende Schriftquellen zur Verfügung. Dies gilt besonders für die Geschichte der Randgebiete des westlichen Römischen Reiches. Eine für diese Provinzen sehr seltene Quelle ist für Noricum ripense und Raetia II in Form der 511 n. Chr. verfaßten Vita Severini des Eugippius überliefert. Severin wirkte zwischen etwa 455 bis zu seinem Tode 482 vor allem in den ehemaligen Grenzorten der genannten Provinzen in einem Gebiet zwischen Quintanis (Künzing, Niederbayern) und Asturis (Klosterneuburg, Niederösterreich).

Die materielle Hinterlassenschaft der Severinszeit im betreffenden Raum, im weiteren Sinn die Archäologie der Zeit zwischen dem Aussetzen der römischen Münzzufuhr um 400 n. Chr. und dem Belegungsbeginn frühmittelalterlicher Reihengräber kurz vor 500 n. Chr., war lange Zeit nicht oder nur schwer zu fassen. Doch wurde 1974 in Passau-Innstadt ein spätantikes Kastell entdeckt und in den folgenden Jahren zu einem großen Teil ergraben. Dazu sind bisher nur einige Vorberichte erschienen, eine komplette Bearbeitung und Publikation steht aus. Eine Gleichsetzung der spätantiken Befestigung von Passau-Innstadt mit dem in der Notitia dignitatum erwähnten Kastell Boioduro sowie dem in der Severinsvita erwähnten Boiotro, wo Severin ein Kloster gegründet hat ("in loco nomine Boiotro"), ist gesichert. Funde liegen auch aus der Zeit nach 400 n. Chr. vor.

Derartige Funde aus einer Brandschicht innerhalb des Kastells stellen u. U. die archäologisch faßbaren Spuren der bei Eugippius erwähnten Zerstörungen dar. Hiermit wäre ein Fixpunkt für das 3. Viertel des 5. Jhs. n. Chr. gegeben, mit dessen Hilfe sich gerade in den letzten Jahren zahlreich veröffentlichte österreichische Funde der frühen Völkerwanderungszeit chronologisch präziser fassen lassen dürften. Dadurch wird die Zusammenstellung eines severinszeitlichen Fundhorizontes möglich.

Darüber hinaus eröffnen die Grabungen von Boioduro/Boiotro vielfältige Annäherungsmöglichkeiten an das Problem der Kontinuität zwischen Antike und Mittelalter im betreffenden Raum. Zunächst getrennt behandelt, soll eine Zusammenfassung der historischen und archäologischen Indizien für Formen und Inhalte von Tradierung und Transformierung innerhalb gesellschatlicher Prozesse zwischen spätantiker Provinz und frühmittelalterlichem Stammesherzogtum versucht werden.

Literatur:
R. Christlein, Ausgrabungen im spätrömischen Kastell Boiotro zu Passau-Innstadt. Ostbair. Grenzmarken 18, 1976, 28ff.
Ders., Das spätrömische Kastell Boiotro zu Passau-Innstadt. Formen der Kontinuität am Donaulimes im raetisch- norischen Grenzbereich. In: J. Werner / E. Ewig (Hrsg.), Von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Aktuelle Probleme in historischer und archäologischer Sicht. Vorträge u. Forsch. 25 (Sigmaringen 1979) 91ff.
Th. Fischer, Passau im 5. Jahrhundert. In: Die Völkerwanderungzeit im Karpatenbecken. Kolloquium Treuchtlingen 1987 (Nürnberg 1988) 89ff.
Ders., Bemerkungen zur Archäologie der Severinszeit in Künzing und Passau. In: E. Boshof / H. Wolff (Hrsg.), Das Christentum im bairischen Raum. Von den Anfängen bis ins 11. Jahrhundert (Köln/Weimar/Wien 1994) 93ff.

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Susanne Kramer,
Römische Grabbauten des 2. und 3. Jhs.n. in der Rheinzone (unpublizierte Dissertation Universität Bonn 2001).
  1. Betreuer: Prof. Dr. Harald Mielsch (Universität Bonn)
  2. Gefördert im Rahmen des Graduiertenkollegs Formierung und Selbstdarstellung städtischer Eliten in den Provinzen des Römischen Reiches.

    Ziel der Arbeit ist es, einen Überblick über die erhaltenen römischen Grabbauten des 2. und 3. Jhs. n.Chr. in der Rheinzone zu geben. Das in den Katalog aufgenommene Material umfaßt rund 200 Quader bzw. kleinere Fragmente von Grabdenkmälern aus dem Bereich der beiden germanischen Provinzen inferior und superior einschl. der Decumates Agri. Überlegungen zur Architektur, den unterschiedlichen Grabmalformen, deren Entwicklung und Herkunft ermöglichen eine Zuordnung und Gruppierung der Stücke.

    Die Untersuchung ihrer figürlichen und ornamentalen Gestaltung beinhaltet Fragen zu Herleitung und Verbreitung der Motive, nach dem Verhältnis zu anderen Denkmälern der Sepulkralkunst in den germanischen und benachbarten Provinzen sowie zu ihrer Deutung. Dem Aspekt der Standorte von Grabbauten im Rheingebiet wird eine besondere Bedeutung beigemessen. Städtische und ländliche Aufstellungsplätze sollen auf ihre topographischen Beziehungen zu Gräberfeldern, Siedlungen und Verkehrswegen hin untersucht und denen des 1. Jhs. n.Chr. gegenübergestellt werden. Die Analysen der architektonischen Grundform, des Dekors und der Aufstellungskontexte können dann im Ergebnis Aufschluß über die soziale und gesellschaftliche Stellung des Grabinhabers geben.

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